Venezuela
Sergio erzählt - am Feuer in Mexiko
"Venezuela", sagt Sergio.
Er schaut zu Eva.
Sie schaut zurück. Dieses kleine Lächeln das sie hat wenn sie weiß was kommt.
"Willst du es erzählen oder soll ich?"
Eva: "Du warst dabei."
Sergio: "Du auch."
"Ich war dabei. Aber ich habe es anders gesehen."
Sergio nickt. Trinkt Mate. Schaut ins Feuer.
"Gut. Dann erzähle ich. Und du korrigierst mich wenn ich lüge."
Caracas. Der Talking Circle.
Wir waren schon ein paar Tage dort. Eine kleine Community am Rand der Stadt - Menschen die versuchen anders zu leben in einem Land das gerade alles versucht.
Soziokratie. Permaculture. Offene Türen.
Abends: Talking Circle. Feuer. Jeder der möchte bekommt das Wort.
Adam hatte kaum geredet in den ersten Tagen. Das ist ungewöhnlich für ihn - normalerweise redet er. Aber manchmal wenn er irgendwo neu ankommt schaut er erst. Hört zu. Lässt den Ort in sich rein.
Eva war die Gastgeberin. Venezolanerin. Zweiundvierzig Jahre jünger als Adam - was niemand sah weil niemand auf sowas schaute in dieser Community.
Sie saß ihm gegenüber im Circle.
Ich saß daneben und dachte: oh.
Der Circle lief. Menschen erzählten. Pläne, Träume, Sorgen.
Dann war Adam dran.
Er nahm den Talking Stick. Schaute in die Runde. Und fing an zu reden.
Von Wittenberg. Von der Reise. Von dem was er gebaut hat und verloren hat und wieder gebaut hat.
Und dann - ich weiß nicht wie er drauf kam, vielleicht hat der Wind ihn gebracht - sagte er:
"Wisst ihr woher die Wellen in Nazaré kommen?"
Niemand wusste es.
"Von hier. Von Venezuela. Den ganzen Atlantik rauf. Ungebremst. Tausende Kilometer."
Stille.
Er schaute zu Eva.
"Ich habe damals im Sand gesessen und die Wellen angeschaut. Um die Angst vor dem Atlantik zu verlieren."
Pause.
"Ich wusste nicht warum ich dort war."
Eva hat mir später erzählt was in ihr vorging in diesem Moment.
Sie sagte: "Ich habe Gänsehaut gespürt. Und ich wusste nicht ob sie von der Geschichte kam oder von ihm."
Ich habe ihr gesagt: "Beides."
Die Nacht danach
Eva schläft.
Adam liegt im Sand - sie hatten das Feuer draußen gemacht, nahe am Wasser - und schaut in die Sterne.
Ich saß noch. Konnte nicht schlafen.
Ich weiß jetzt was er dachte. Er hat es mir später erzählt.
Adams innerer Monolog - diese Nacht
Was will dieses junge Ding von mir?
Der innere Kritiker meldet sich pünktlich.
Sie könnte jeden haben. Irgendeinen Jungen. Glatt. Unverbraucht. Mit Zukunft im Lebenslauf.
Stimmt alles.
Und trotzdem liegt sie dort.
Er muss an Aarhus denken. Alex Vartmann. "The New Tantra." Er saß einer fremden Frau gegenüber - nur Blickkontakt, kein Wort - und nach ein paar Minuten begann ihr Gesicht sich zu verändern. Jung. Alt. Sehr jung. Das Gehirn ließ den Filter fallen.
Das Gehirn erzeugt immer ein Bild. Aus Erinnerungen, Erfahrungen, Glaubenssätzen, Fotos. Aus allem was wir je über Menschen gelernt haben.
Alter ist einer dieser Filter.
Eva schaut ihn an ohne diesen Filter.
Er muss an einen Film denken. Jack Black. Gwyneth Paltrow. "Shallow Hal." Ein Mann der durch Hypnose nur noch die innere Schönheit sieht. Für ihn strahlt sie - alle anderen sehen nur was außen ist.
Adam lacht leise in den Sand.
Bin ich jetzt Jack Black? Nur andersrum?
Dann: ernster.
Sie sieht nicht die Karosserie.
Sie sieht jemanden der in Nazaré im Sand saß und den Atlantik angeschaut hat bis die Angst weg war. Nicht gesurft. Einfach geschaut. Gelernt.
Sie sieht jemanden der aufgestanden ist - von der Parkbank in Berlin - und weitergegangen ist.
Durch Österreich, Monaco, Barcelona, Orgiva.
Einen reifen Warrior der weiß was er weiß. Nicht weil er es gelesen hat. Weil er es gelebt hat.
Biologisch bin ich sowieso maximal zwölf Jahre alt. Alle sieben bis zwölf Jahre erneuert sich der Körper vollständig.
Der Personalausweis lügt.
Die Zellen lügen nicht.
Und Energie altert sowieso nicht. Atome sind zu 99,9999999% leerer Raum. Was wir als alten Mann wahrnehmen ist eine Illusion aus Glaubenssätzen.
Er ist Energie.
Sie ist Energie.
Zwei Schwingungen die sich erkannt haben.
Durch dreizehn Jahre. Durch einen Ozean. Durch Wellen die Venezuela nach Nazaré schickte.
Eva schläft.
Adam lächelt in die Sterne.
Sergio schaut in die Runde am Feuer in Mexiko.
Zu Eva.
"Weißt du noch was ich gesagt habe? Am nächsten Morgen?"
Eva lächelt. "Ja."
"Was?"
"Dass ich Glück gehabt habe."
Sergio schüttelt den Kopf.
"Nein."
Pause.
"Ich habe gesagt: Sie hat Glück gehabt."
Und er zeigt auf Adam.
Adam schaut ins Feuer.
Sagt nichts.
Das Feuer antwortet für ihn.
