ForgeCrowdBookWe don't sell the fish – we give you the rod.

Potsdam

Erzählt von Sergio - am Feuer in Mexiko


Sergio schaut ins Feuer.

Lange.

Dann:

"Wisst ihr was das Lustige ist? Ich wollte gar nicht nach Portugal."

Eva schaut ihn an.

"Ich wollte eigentlich nur eine Geschichte vorlesen."


Potsdam. Colorful Tribe Gathering.

Ich weiß nicht mehr welches Jahr. Pandemie war vorbei oder fast vorbei. Keine Ahnung. Zeit hat da aufgehört zu existieren.

Wir saßen am Mainfire. Drei, vier Menschen. Feuer in der Mitte. Sterne oben. Der übliche Rainbow-Geruch - Holzrauch, Schweiß, Freiheit.

Ich hatte diesen Text auf dem Handy. Andy Weir. "The Egg." Hatte ihn schon zehnmal gelesen. Jedes Mal dasselbe - dieses Kribbeln hinten im Kopf das sagt: das stimmt. Das ist wahr.

Ich habe um Konsensus gebeten, das Handy am Mainfire zu nutzen. So macht man das im Circle - du fragst ob du das Wort haben kannst, ob alle einverstanden sind. Alle nickten.

Ich habe mein Handy rausgeholt.

Gelesen.


Die Geschichte ist kurz. Ein Mensch stirbt. Trifft Gott. Gott erklärt: du wirst wiedergeboren. Immer wieder. Als jeder Mensch der je gelebt hat. Als Hitler. Als Gandhi. Als deine Mutter. Als dein schlimmster Feind.

Weil es nur eine Seele gibt.

Deine.

Du bist alle Menschen.

Alle Menschen sind du.


Ich habe aufgehört zu lesen.

Stille.

Und dann hat Adam angefangen zu lachen.

Nicht so ein höfliches Lachen. Nicht so ein "ha, interessant" Lachen.

Dieses Lachen das aus dem Bauch kommt und nicht mehr aufhört. Das Lachen das jemanden überrollt. Das Lachen das sagt: ich habe gerade etwas verstanden das ich nie wieder vergessen werde.

Er lachte. Und lachte. Und lachte.

Andere fingen auch an zu lachen - nicht weil sie wussten warum, sondern weil dieses Lachen ansteckend war wie Sonnenschein.


Sergio pausiert.

Schaut zu Adam.

Adam schaut ins Feuer. Lächelt.

"Mooji", sagt er leise.

Sergio nickt.

"Mooji wurde mal gefragt - was hast du gedacht als du wusstest dass du erleuchtet bist?"

Er macht eine Pause.

"Er hat gesagt: Ich habe angefangen zu lachen."

Adam lacht wieder. Leise diesmal. In sich hinein.

"Da musste ich noch mehr lachen."


Der Circle danach

Das Feuer war tiefer geworden. Die Hälfte der Menschen schlief schon oder war gegangen.

Adam saß noch. Ich saß noch.

Er schaute mich an und fing an zu reden.

Von Portugal. Von Land. Von der Rainbow Family die sich irgendwo festsetzt - nicht nur für zwei Wochen ein Gathering, sondern für immer. Permanentes Gathering. Ubuntu und Rainbow vermischt. Permaculture. Selber anbauen. Selber leben.

"Ich suche Land", sagte er. "Irgendwo in Portugal. 1000 m2. 100 Hektar. Egal. Ich fahre dahin und ich baue das."

Er sagte es so - ohne Drama, ohne große Geste - als würde er sagen: ich fahre morgen zum Supermarkt.

Ich schaute ihn an.

Dieser Mann hatte gerade gelacht wie jemand der alles verstanden hat.

Und jetzt baute er Pläne als hätte er noch tausend Jahre Zeit.

Ich sagte: "Ich komme mit."

Er schaute mich an.

"Wirklich?"

"Ja."

Keine große Diskussion. Kein Vertrag. Kein Plan B.

Ich komme mit.

So fängt das an.


Sergio schaut in die Runde am Feuer in Mexiko.

Salvador schläft schon halb. Eva schaut ihn an.

"Und dann?"

Sergio lacht.

"Dann sind wir nach Portugal gefahren. Aber das ist eine andere Geschichte."

Er nimmt einen langen Schluck Mate.

"Zuerst mussten wir noch durch die halbe Pandemie."