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Bayreuth

Adam - innerer Monolog


Die Autobahn.

Ich fahre Richtung Berlin. Fenster auf. Sommer.

Und dann: blau-weiß. Polizei.

Ich weiß sofort.


Bayreuth. Ein Parkplatz. Ein Beamter der sehr höflich erklärt was ich selbst schon weiß.

Nummernschild: weg. Versicherung: abgelaufen. Steuern: nicht bezahlt.

Ich steckte in Portugal fest während die Welt verrückt spielte. Das weiß er nicht. Das interessiert ihn auch nicht besonders.

Ich stehe in Bayreuth.

Ohne Schild. Ohne Plan.


Bayreuth liebt Richard Wagner. Festspielhaus. Touristen. Saubere Bürgersteige.

Aber es gibt einen Mann hier - keinen Bürgermeister, keinen Politiker - einen Menschen der sich einfach um Bürger kümmert. Weil er Zeit hat und weil er findet dass jemand das tun muss.

Er zeigt mir wo ich Klamotten waschen kann. Wo es Essen gibt. Wo ich stehen darf.

Ubuntu in Bayreuth.

Hätte ich nicht erwartet.


Er bringt mich zu einer Familie.

Vater, Mutter, drei Kinder. Wohnmobil, halb ausgebaut. Sie wollen Deutschland verlassen, Kinder aus der Schule rausnehmen, irgendwo leben wo die Luft noch riecht.

Ich verstehe das sehr gut.

Ich helfe beim Ausbau. Drei Tage. Bretter, Schrauben, Isolation, Küche.

Ich verlange nichts.

Nicht weil ich so edel bin. Sondern weil es sich richtig anfühlt. Die Familie gibt was sie kann - Essen, Kaffee, Gespräche abends. Das reicht.


Der Nachbar der Familie schaut zu.

Unternehmer. Aktien, Firmen, das übliche.

Er schaut drei Tage zu wie ich arbeite. Ohne zu fragen warum. Ohne zu fragen was ich will.

Am dritten Tag kommt er rüber.

Drückt mir ein Kuvert in die Hand.

"Das können Sie in Portugal gebrauchen."

Er geht wieder.

Ich öffne das Kuvert.

2000 Euro.

Ich stehe da.

Das ist nicht real.

Aber es ist real. Das Geld ist real. Der Mann ist real. Er hat nichts dafür gewollt.


Vor dem Finanzamt

Am nächsten Morgen.

Ich habe 2000 Euro in der Tasche.

Ich könnte schlafen. Essen. Irgendetwas Vernünftiges tun.

Stattdessen nehme ich die Gitarre.

Ich habe "Blessed We Are" von Pia ins Deutsche übersetzt. Schon vor ein paar Tagen. Ich wollte es einfach mal spielen. Den Menschen geben.

Ich setzte mich hin.

Fange an.


Nach einer Stunde: über 50 Euro im Hut.

Ich schaue auf das Geld.

Das ist das Verrückteste was ich je erlebt habe.

Nicht wegen der 50 Euro. Sondern weil ich gespielt habe ohne an Geld zu denken - ich hatte 2000 Euro im Wohnmobil - und genau deshalb ist das Geld gekommen.

Altruismus ist kein Konzept.

Altruismus ist ein Naturgesetz.

Gibst du ohne Berechnung, fliesst Energie zurück.

Immer.

Das weiß ich jetzt.


Ein anderer Musiker spielt zwanzig Meter weiter.

Schlechter als ich. Aber mit mehr Herzblut.

Ich nehme einen 5-Euro-Schein aus meinem Hut und lege ihn in seinen.

Er schaut mich an.

Ich zucke mit den Schultern.

So funktioniert das.


Ich erfahre später dass ich vor dem Finanzamt gespielt habe.

Natürlich.

Das Universum hat Humor.