Vorwort
Wilhelm Reich, Bernd Senf und das Tantra – wie wir uns und die Welt wieder ins Fließen bringen
Motto
„Stelle Dir vor, was wir bereits als Sklaven erreichen konnten – und dann überlege mal, was wir als freie Menschen erst schaffen könnten.“
Natalino Barocsi
Widmung
Für Bernd Senf (1944–2026), der uns gezeigt hat, dass das Wasser, der Körper und das Geld demselben Gesetz folgen – und der nie aufgehört hat, behutsam zu bleiben. Danke, dass du mir die Stafette weitergegeben hast.
Und für Andro (1941–2019), der die Tantramassage zu uns gebracht hat.
Vorwort
Am 25. September 2026 ist Bernd Senf gestorben. Er war von 1973 bis 2009 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin, Autor von Büchern über das Geld, die Ökonomie und das Werk von Wilhelm Reich, ein begnadeter Lehrer, ein Musiker, der Zinseszinsen besang, und für viele Menschen ein Wegbegleiter. Ich habe ihn nur zweimal gesprochen. Aber diese beiden Begegnungen – eine bei Kaffee und Kuchen in seiner Wohnung – haben mich nicht mehr losgelassen.
Von seinem Tod habe ich erst Anfang Oktober erfahren. Gewundert hatte ich mich schon drei Jahre zuvor, als Bernd nicht mehr auf meine E-Mails antwortete. Damals habe ich seine Website archiviert, damit sein Werk nicht verloren geht. Als ich nun las, dass er gestorben ist, habe ich noch am selben Tag beschlossen, dieses Buch zu schreiben.
Es war nicht der erste Abschied dieser Art. 2019 ist Andro gestorben, mit bürgerlichem Namen Andreas Rothe. Er hat vor fast fünfzig Jahren die Tantramassage nach Deutschland gebracht und in Berlin das erste Tantra-Institut gegründet. Beide Abschiede habe ich als Zeichen verstanden: Jetzt bin ich dran, ihr Wissen weiterzutragen.
Bernd hat auf seiner Website ein riesiges Werk hinterlassen: Hunderte von Aufsätzen, Vorträgen, Interviews und Videos, die meisten frei zugänglich. Wer sich hineinbegibt, findet einen Schatz – und verliert sich leicht darin. Dieses Buch will die Essenz dieses Werkes zugänglich machen, damit niemand Tausende von Seiten lesen muss, um zu verstehen, worum es ging.
Ein Satz
Bernd hat sein Lebenswerk selbst in einem Satz zusammengefasst, der über seiner Website stand: „Die Lösung der Blockierung ist die Lösung – behutsam, nicht gewaltsam.“ Er hat diesen Satz bei drei Forschern gefunden, die nichts voneinander wussten: bei Viktor Schauberger, der das Fließen des Wassers beobachtete, bei Wilhelm Reich, der das Fließen der Lebensenergie im Menschen erforschte, und bei Silvio Gesell, der das Fließen des Geldes verstehen wollte. Alle drei entdeckten dasselbe: Lebendige Systeme werden krank, wenn ihr Fließen blockiert wird – und sie heilen, wenn man die Blockierung behutsam löst.
Warum ich dieses Buch schreibe
Ich komme aus einer anderen Richtung als Bernd. Mein Weg führte über das Tantra, den Buddhismus und die Körperarbeit.
Lange war ich Informatiker, Softwareentwickler und Designer, zuletzt in einer gut bezahlten Stelle in der Schweiz. 2014 besuchte ich meinen ersten Workshop für Tantramassage. Danach habe ich mein Leben umgekrempelt: Ich kündigte, zog nach Dänemark und fing, wie ich es heute sage, endlich mit dem Leben an.
Später habe ich in Berlin bei Andro im Diamond Lotus als Bodyworker gearbeitet und fast alle seine Kurse besucht. Ich habe viel mit ihm gesprochen, bevor er von uns ging. Eine Sache hat er mir erklärt, die mich bis heute begleitet. Es ging um die Körpertypen, die auf Wilhelm Reich zurückgehen. Einer davon ist der Rigide. Weil er meist gut aussieht, hat er viele Gelegenheiten zur Sexualität. Beim kompensierten Rigiden, sagte Andro, wird das Sexualchakra dadurch zum Hauptchakra. Das Manipura, das Chakra im Bauch, ist verstopft, und im Anahata, dem Herzen, kommt zu wenig Energie an. Damit steht er, so Andro, auf einer Stufe mit dem Typ, den Reich den „Psychopathen“ nannte. Als Andro mir das erklärte, kam es mir vor, als hätte er es für mich persönlich herausgefunden.
Das war der Moment, in dem Reich und das Tantra für mich zusammenkamen. Reich beschrieb Panzer und Körpertypen, das Tantra beschreibt Chakren und Energiebahnen, und beide sprechen von derselben Energie, die irgendwo stockt und anderswo zu viel wird. Ich habe weitergelernt, auch in Kopenhagen bei Somananda Moses Maimon, einem weiteren Lehrer, der mit seiner Tantra-Schule die Tantramassage in vielen Ländern Europas verbreitet hat. Dazu kamen Lomi Lomi Nui, Yin-Yang-Massage, Beckenbodenarbeit und die Ausbildung zum Sexological Bodyworker. Daraus ist meine eigene Methode entstanden, die Prana-Flow-Massage. Seit über zehn Jahren begleite ich Menschen in Einzelsitzungen und Workshops.
Die Informatik habe ich dabei nie aufgegeben. Heute baue ich freie Software für CrowdWare, und mit den Ubuntu Pirates wollen wir in den leeren Dörfern Europas neue Gemeinschaften aufbauen. Gerade bin ich mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Spanien, und unterwegs schreibe ich dieses Buch.
Ehrlich gesagt: Die Körpertypen stammen aus der Bioenergetik von Alexander Lowen, einem Schüler Reichs. Er unterschied fünf Charakterstrukturen, darunter die rigide und die psychopathische. Sie sind eine hilfreiche Landkarte für die Körperarbeit, aber keine wissenschaftlich geprüfte Diagnose. Die Verbindung mit den Chakren ist Andros eigene Deutung aus seiner tantrischen Praxis.
Als ich Bernd zum ersten Mal von den Parallelen zwischen Reich und dem Tantra erzählte, wollte ich vor allem über Körperarbeit sprechen. Wir sprachen dann über alles: über die Erde als Organismus, über Energie, über das Geld. Und mir wurde klar, dass das, was ich im Körper eines einzelnen Menschen erlebe – wie sich Blockaden lösen und Leben wieder fließt –, auch für eine Gesellschaft gilt.
Darum liegt der Schwerpunkt dieses Buches nicht auf der Körperarbeit, sondern auf dem Weltgeschehen: auf Macht und ihrem Missbrauch, auf Korruption, auf einem Geldsystem, das Vermögen von unten nach oben verschiebt, und auf der Frage, wie wir das ändern können. Der Körper ist der Schlüssel, um diese Zusammenhänge zu verstehen. Aber das Ziel ist die Welt.
Was dieses Buch nicht ist
Kein Buch gegen jemanden. Es klagt keine Banker an, keine Politiker, keine Reichen. Ich habe meine Kinder noch so erzogen, wie ich es von meinen Eltern gelernt hatte – und habe erst spät gemerkt, was ich weitergab. Jeder Mensch handelt so, wie er es gelernt hat und wie die Strukturen ihn treiben. Bernd hat es genauso gesehen: Es ging ihm nie um Schuldige, sondern um Strukturen. Strukturen kann man ändern.
Kein Lehrbuch, das recht haben will. Reich und Senf haben vieles gesehen, was andere übersehen haben – und manches behauptet, was sich nicht bestätigt hat. Wo die Zeit ihnen recht gegeben hat, sage ich es. Wo die Forschung anderes zeigt, auch. Dafür gibt es in vielen Kapiteln kleine Kästen mit der Überschrift „Ehrlich gesagt“. Wer Reich als Propheten sucht, wird hier enttäuscht. Wer ihn als Entdecker kennenlernen will, mit allen Ecken und Kanten, ist willkommen.
Wie dieses Buch gebaut ist
Das Buch hat vier Teile:
- Teil I – Der Kernsatz: Was „Fließen lassen“ bedeutet, warum Eindämmung alles schlimmer macht und warum Veränderung behutsam sein muss.
- Teil II – Der Mensch: Lebensenergie, die Lebensformel, der Panzer, Lust und Angst – Reichs Entdeckungen und die Sicht des Tantra.
- Teil III – Die Welt: Macht und Gehorsam, die Abwehr des Lebendigen, Gier und falscher Wohlstand, das Geld aus dem Nichts, der Zinseszins, Verschuldung und Enteignung, die Finanzmärkte, die digitale Abhängigkeit und die Geschichte der Gewalt.
- Teil IV – Die Lösung: Warum Revolutionen kippen, fließendes Geld, ein Einkommen für alle, die Ğ1 und freie Software, eine geerdete Wirtschaft und ein Bewusstsein, das trägt.
In jedem Kapitel sprechen drei Stimmen: Reich mit seinen Entdeckungen, Senf mit seiner Übertragung auf Wirtschaft und Gesellschaft, und ich mit der Sicht aus dem Tantra und meiner eigenen Erfahrung. Alle Zitate von Senf und Reich sind wörtlich wiedergegeben und mit ihrer Fundstelle belegt; die meisten Texte kannst du auf berndsenf.de selbst nachlesen.
Als das Buch fertig gegliedert war, hatte es zweiundzwanzig Kapitel. Geplant hatte ich das nicht – die Kapitel haben sich aus dem Stoff ergeben. Erst danach fiel es mir auf, und ich musste lächeln: Zwei und zwei ist vier, die Zahl der Manifestation, des Gestaltwerdens. Die Zweiundzwanzig gilt als Meisterzahl, als „Baumeister“, der eine Vision in die Welt bringt. Der Tarot kennt zweiundzwanzig große Arkana, zweiundzwanzig Stationen eines Weges vom Narren bis zur Welt – so wie dieses Buch vom eigenen Körper bis zur Weltwirtschaft führt. Und es hat vier Teile. Ein Beweis ist das nicht, nur ein Bild. Aber ein schönes.
Glaube mir kein Wort
Ein buddhistischer Mönch hat mir einen Satz beigebracht, den ich in allen meinen Workshops benutze: Glaube mir kein Wort. Mache deine Erfahrung selber.
Darum endet jedes Kapitel mit einer Übung. Manche sind für den Körper, manche für das Nachdenken, manche für den Alltag. Du musst keine davon machen. Aber das Buch wird dir mehr geben, wenn du es nicht nur liest, sondern ausprobierst, was es beschreibt.
Wohin dieses Buch fließt
Ein Buch über das Fließenlassen sollte selbst fließen. Bis auf einen kleinen Teil, mit dem ich aus der Grundsicherung herauskomme, geht der Gewinn aus diesem Buch zu je einem Drittel an den Verband Ubuntu Pirates, der in den leeren Dörfern Europas neue Gemeinschaften aufbauen will, in freie Software von CrowdWare und in die Ğ1, ein Geld, das von unten wächst. Mehr dazu in Kapitel 20.
Danke
Ich danke Bernd Senf für sein Lebenswerk und für die Stafette. Ich danke Andro, der mir den Weg ins Tantra geöffnet hat. Ich danke meinem Freund Ralph Boes, der für die Würde der Menschen gehungert hat und mir bis heute zeigt, wie Widerstand ohne Gewalt aussieht. Ich danke Natalino Barocsi für den Satz, der diesem Buch voransteht. Und ich danke allen, die mich auf meinem Weg begleitet haben, in den Workshops, in den Gemeinschaften und auf der Straße.
Berlin, im Oktober 2026
Adam Art Ananda
