Kapitel 3 – Behutsam, nicht gewaltsam

Der Damm, der bricht
Stell dir einen Stausee vor, der über Jahrzehnte immer höher aufgestaut wurde. Du hast verstanden, dass der Damm das Problem ist: Er hat den Fluss getötet, das Tal ausgetrocknet, die Fische vertrieben. Was tust du? Den Damm sprengen?
Wer das tut, löst eine Flutwelle aus, die alles mitreißt, was unterhalb liegt – die Dörfer, die Felder, die Menschen. Der Fluss ist danach nicht befreit, sondern verwüstet. Wer dagegen den Damm Stück für Stück öffnet, den Abfluss langsam erhöht und dem Wasser Zeit gibt, sein altes Bett wiederzufinden, kann am Ende einen lebendigen Fluss zurückbekommen.
Das ist der zweite Teil von Senfs Kernsatz, und vielleicht der weisere:
„Die Lösung (der Blockierung) ist die Lösung – behutsam, nicht gewaltsam! Dabei geht es gleichzeitig um die Überwindung der Spaltung eines ursprünglich Ganzen …“¹
Im Körper: Schicht für Schicht
Wilhelm Reich hat in seiner Arbeit mit Menschen erfahren, was geschieht, wenn man zu schnell vorgeht. Er löste die Verhärtungen im Körper seiner Patienten Schritt für Schritt, und er lernte, dass die Reihenfolge und das Tempo entscheidend waren. Er begann bei den Augen und arbeitete sich langsam nach unten, bis zum Becken. Wenn er zu früh an die tiefsten Schichten ging, brachen die zurückgehaltenen Gefühle mit solcher Wucht hervor, dass die Menschen in Panik gerieten – und sich danach noch fester verschlossen als vorher.²
Das ist eine wichtige Erfahrung: Ein Panzer ist nicht einfach ein Fehler. Er war einmal ein Schutz. Er hat einem Kind geholfen, Unerträgliches zu überstehen. Wer ihn gewaltsam aufreißt, nimmt dem Menschen den Schutz, bevor er etwas anderes gefunden hat, das ihn trägt. Reich hat es so ausgedrückt:
„Jede muskuläre Verkrampfung enthält die Geschichte und den Sinn ihrer Entstehung.“³
Behutsam sein heißt deshalb: die Geschichte achten, die in der Verhärtung steckt. Nicht gegen den Panzer kämpfen, sondern dem Lebendigen darunter so viel Raum geben, wie es gerade tragen kann.
Wie wichtig das ist, habe ich selbst erfahren – am eigenen Leib, nicht aus einem Buch.
Ich war in einem Kurs für tantrische Massage. An diesem Tag ging es um eine Massage im Beckenraum, und massiert wurde ich von einer Teilnehmerin. Ehrlich gesagt hatte ich vorher Angst vor ihr, weil sie einfach sehr attraktiv war. Ich dachte, ich würde bei ihr viel zu schnell kommen. Haha. Es kam ganz anders.
Sie hat an diesem Tag wohl meine letzte Blockade gelöst. Meine Kundalini rauschte los, vom Becken die Wirbelsäule hinauf. Sie hat sich regelrecht ihren Weg durch meinen Körper gebrannt. Ich schwebte zwischen Himmel und Erde.
Und genau in diesem Moment musste sie auf die Toilette und ließ mich allein. Dann hörte ich, wie sie sich draußen auf dem Flur mit unserer Lehrerin unterhielt. Ich lag da, weit offen, irgendwo zwischen den Welten, und fühlte mich sehr, sehr allein gelassen. Schließlich bat ich jemanden im Raum, mich zu erden, damit ich wieder landen konnte.
Ich glaube, an diesem Tag habe ich mir ein Trauma eingefangen. Es meldet sich bis heute als Schmerz im unteren Rücken. Dort sitzt jetzt eine neue Blockade, und die darf ich noch lösen, damit die Kundalini wieder frei fließt.
Ich erzähle das nicht, um ihr etwas vorzuwerfen. Sie hat mir etwas Großes geschenkt, und sie konnte nicht wissen, was in diesem Moment in mir geschah. Ich erzähle es, weil es zeigt, worum es in diesem Kapitel geht: Nicht das Öffnen allein heilt. Wer öffnet, muss auch halten können, bis der Mensch wieder sicher gelandet ist. Eine Lösung ohne Begleitung kann selbst wieder zur Blockierung werden.
Reich hat von oben nach unten gelöst, von den Augen bis zum Becken. Im Tantra, sagt man, steigt die Kraft von unten nach oben. Doch so einfach ist es nicht. In meiner Prana-Flow-Massage schiebe ich die Energie bei Frauen am Anfang vom Herzen hinunter zur Yoni, um sie zu öffnen. Erst danach steigt sie vom Wurzelchakra hinauf bis zum Scheitel. Erst nach unten, dann nach oben – wie ein Fluss, der zuerst sein Bett finden muss, bevor er strömen kann. Ich sehe darin keinen Widerspruch zu Reich, sondern Richtungen derselben Bewegung. Und für alle gilt dasselbe: Das Tempo bestimmt nicht der Begleiter und nicht die Methode, sondern das, was der Mensch gerade tragen kann.
Daraus habe ich für meine eigene Arbeit eine feste Regel gemacht: Ich begleite meine Klienten immer bis zum Ende. Ich gehe nicht aus dem Raum, bevor mein Gast wieder ganz zurück ist.
In der Gesellschaft: Warum Revolutionen kippen
Was für den einzelnen Menschen gilt, hat die Geschichte im Großen gezeigt – mit furchtbaren Folgen. Viele Revolutionen begannen mit der Sehnsucht nach Freiheit und endeten in neuer Unterdrückung. Die Russische Revolution von 1917 wollte die Arbeiter befreien und brachte Lenins Staatsapparat und Stalins Lager hervor.
Der Anarchist Michail Bakunin hatte das schon Jahrzehnte vorher kommen sehen. Senf fasst seine Warnung so zusammen:
„Wenn bereits auf dem Wege zum angestrebten Abbau von Herrschaft Mittel eingesetzt werden, die ihrerseits mit Herrschaft und Gewalt durchsetzt sind, dann würde der Weg in die Befreiung von vornherein verbaut.“⁴
Und das Ergebnis:
„Aus einer Utopie der Befreiung wurde Barbarei.“⁴
Warum? Wilhelm Reich hat eine Antwort gegeben, die bis heute unbequem ist. Menschen, die in Unterdrückung aufgewachsen sind, tragen beides in sich: eine tiefe Sehnsucht nach Freiheit – und eine tiefe Angst davor. Wird die Freiheit plötzlich und gewaltsam herbeigeführt, bekommt die Angst die Oberhand, und die Menschen suchen sich neue Führer, neue Ordnungen, neue Feinde. Reich sah das nicht nur bei den anderen:
„Intensive Freiheitssehnsucht der Massen plus Angst vor freiheitlicher Verantwortung ergibt faschistische Mentalität, ganz gleich ob sie sich bei einem Faschisten oder einem Demokraten findet.“⁵
Senf hat daraus schon 1981 den Schluss gezogen, dass es nicht genügt, die äußeren Verhältnisse umzustürzen. Die Veränderung muss tiefer gehen:
„Die Kulturrevolution muß noch tiefer greifen und auch die Auflösung derjenigen Erstarrungen mit umfassen, die in den Menschen als Charakterpanzer verankert sind …“⁶
Darum gehören in diesem Buch die Arbeit an der Welt und die Arbeit an sich selbst zusammen. Nicht nacheinander – zuerst die eine, dann die andere –, sondern gleichzeitig.
In der Sprache: niemanden anklagen
Gewalt beginnt nicht erst mit Waffen. Sie beginnt in der Sprache – im Feindbild, im Spott, in der Anklage. Wer andere Menschen zu Schuldigen erklärt, erzeugt bei ihnen genau das, was Reich am Körper beobachtet hat: Abwehr, Verhärtung, Gegenangriff.
Senf war hier sehr klar. Er hat das Geldsystem scharf kritisiert, aber nie Menschen angeklagt:
„Dabei geht es nicht darum, irgendwelche Schuldzuweisungen vorzunehmen, sondern darum, Struktur und Dynamik des Zinssystems und die entsprechenden funktionellen Zusammenhänge heraus zu arbeiten.“⁷
Und er hat gezeigt, warum das nicht nur höflich, sondern richtig ist: Die Strukturen treiben die Menschen zu ihrem Verhalten, nicht umgekehrt.
„Die Struktur und Dynamik des bestehenden Geld- und Zinssystems treiben ja die einzelnen Handelnden erst zu Verhaltensweisen, die sich langfristig und in der Summe für einen Großteil der Gesellschaft als verhängnisvoll erweisen.“⁸
Wer das verstanden hat, kann den Banker, den Politiker, den Konzernchef anders ansehen: nicht als Bösewicht, sondern als jemanden, der auf demselben abwärtslaufenden Band steht wie alle anderen – nur weiter oben. Das heißt nicht, Unrecht zu verschweigen. Es heißt, Unrecht so zu benennen, dass Veränderung möglich wird.
Senf hat dabei auch vor der eigenen Bewegung nicht haltgemacht. Über die Geldreformer, zu denen er selbst gehörte, schrieb er:
„Ein Teil der Isolierung und bisherigen politischen Wirkungslosigkeit der freiwirtschaftlichen Bewegung scheint mir insofern auch selbst verschuldet zu sein, weil von ihr teilweise falsche Fronten und von der Sache her unnötige Verhärtungen aufgebaut worden sind.“⁹
Ich halte es selbst so. Ich möchte niemanden angreifen. Jeder Mensch handelt doch nur so, wie man es ihm beigebracht hat – auch ich. In Kapitel 1 habe ich erzählt, wie ich meine Kinder noch so erzogen habe, wie ich es von meinen Eltern gelernt hatte. Wer das bei sich selbst gesehen hat, kann es auch beim anderen sehen.
Behutsam heißt nicht zaghaft
Ein Missverständnis liegt nahe: Behutsam klingt nach leise, vorsichtig, abwartend. Das ist nicht gemeint.
Behutsam war der Bürgermeister von Wörgl, der 1932 mitten in der Weltwirtschaftskrise ein neues Geld einführte und damit Arbeit schuf, während ringsum die Arbeitslosigkeit stieg. Behutsam war Ralph Boes, der 2015 an 132 Tagen hungerte, um gegen die Sanktionen im Hartz-IV-System zu protestieren – ohne Gewalt, mit dem eigenen Körper und auf dem Rechtsweg. Vier Jahre später entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Kürzungen über 30 Prozent nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind.¹⁰
Behutsam heißt: so entschieden wie möglich in der Richtung, so achtsam wie möglich im Tempo und in den Mitteln. Es heißt auch, verschiedene Wege gelten zu lassen. Der eine kämpft gegen erstarrte Strukturen, der andere baut neben ihnen etwas Lebendiges auf, der dritte arbeitet an sich selbst. Senf sah darin keinen Widerspruch:
„Solange die Richtung der Veränderung gegen die Erstarrung und für die lebendige Entfaltung geht, sind es nicht die unterschiedlichen Wege, die die einzelnen bzw. die Gruppen voneinander trennen, sondern ist es vor allem das Gemeinsame, das sie untereinander verbindet.“¹¹
Weder Mauer noch offenes Tor
Zum Schluss ein Gedanke, der in unserer Zeit besonders wichtig ist. Wer gegen Erstarrung ist, könnte meinen, die Lösung sei, alle Grenzen aufzuheben. Senf widerspricht. Ein gesunder Organismus ist weder erstarrt noch grenzenlos – er hat eine lebendige Haut, die öffnet und schließt:
„Die Alternative lautet vielmehr: flexible Handhabung der Grenzen, die Fähigkeit zur Öffnung für positive Einflüsse (und ‚Abflüsse‘), aber auch zur Abgrenzung gegenüber negativen oder gar bedrohlichen Einflüssen.“¹²
Das gilt für den einzelnen Menschen, der lernen darf, Nein zu sagen, ohne sich zu verschließen. Und es gilt für Gesellschaften, die weder in Nationalismus erstarren noch sich schutzlos jedem Kapitalstrom ausliefern sollten:
„Auch soziale Organismen brauchen gewisse Membrane, wenn sie lebensfähig bleiben wollen.“¹³
Behutsam, nicht gewaltsam – das ist keine Methode unter vielen. Es ist die Haltung, mit der alles Weitere in diesem Buch gemeint ist.
Übung: Atmen und begleitet werden
Eine Übung zu zweit. Nimm dir mit deinem Partner eine Stunde Zeit, dazu Ruhe danach – und einen Raum, in dem ihr laut sein dürft.
Einer ist der Gast, der andere der Begleiter. Beim nächsten Mal tauscht ihr.
- Der Gast legt sich auf den Rücken, die Knie angewinkelt. Er atmet wie in der Übung zu Kapitel 2: tief ein, ohne Pause wieder aus, ein Kreis ohne Halt.
- Der Begleiter sitzt neben ihm und legt eine Hand auf den Bauch des Gastes. Beim Ausatmen gibt er sanft etwas Druck mit und hilft so, den Atem ganz herauszulassen. Nicht drücken – mitgehen.
- Der Begleiter behält die Zeit im Auge. Etwa eine Stunde lang, damit sich wirklich etwas lösen kann.
- Der Gast darf laut werden: schreien, stöhnen, weinen, lachen, tönen. Im Tantra sagen wir: Was sich löst, fließt über das Halschakra, das Vishuddha-Chakra, ab – durch den Mund nach draußen. Der Begleiter hält das aus, ohne zu bewerten und ohne zu bremsen.
- Am Ende atmet der Gast wieder normal. Der Begleiter legt eine Hand auf seine Füße oder auf das Brustbein und hilft ihm, wieder zu landen. Der Begleiter geht nicht weg, bevor der Gast wirklich zurück ist – auch nicht kurz, auch nicht auf die Toilette.
- Danach erzählt der Gast, was er erlebt hat. Der Begleiter hört nur zu.
Zur Sicherheit: Es gilt alles, was in Kapitel 2 zur Atemübung steht – nie im oder am Wasser, und bei Schwangerschaft, Epilepsie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hohem Blutdruck oder psychischen Erkrankungen vorher mit dem Arzt sprechen. Ein Stopp des Gastes gilt immer, sofort und ohne Diskussion.
Anmerkungen
- Bernd Senf: Der Tanz um den Gewinn, Kiel 2004, Kap. D, Buch S. 159 (PDF S. 10).
- Wilhelm Reich, zitiert nach Bernd Senf: „Die Forschungen Wilhelm Reichs (I)“, emotion 1, 1980, S. 18–19; ebenso Senf, „Triebunterdrückung …“, emotion 6, 1984, S. 4–5.
- Wilhelm Reich, zitiert nach Bernd Senf: „Die Forschungen Wilhelm Reichs (I)“, emotion 1, 1980, S. 18 (Reich 1972, S. 227).
- Bernd Senf: „Die Marxsche Utopie und der Realsozialismus“, 1998, S. 3.
- Wilhelm Reich, zitiert nach Bernd Senf: „Die Forschungen Wilhelm Reichs (I)“, emotion 1, 1980, S. 14 (Reich: Die Funktion des Orgasmus, dt. 1972, S. 179).
- Bernd Senf: „Die Marxsche Utopie und der Realsozialismus“, 1998, S. 6 (Senf zitiert dort seinen Aufsatz von 1981).
- Bernd Senf: „Denunzieren statt Argumentieren“, 2008, S. 7.
- Bernd Senf: Der Tanz um den Gewinn, Kiel 2004, Kap. D, Buch S. 198 (PDF S. 49).
- Bernd Senf: Der Nebel um das Geld, Kap. 7.6 (PDF S. 45).
- Hungerstreik 2015; Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 5.11.2019, 1 BvL 7/16.
- Bernd Senf: „Konfliktverdrängung und Systemerstarrung“, emotion 3, 1981, S. 39.
- Bernd Senf: „Der Wahnsinn des durchdrehenden Kapitalismus“, 1998, S. 3.
- Bernd Senf: Der Tanz um den Gewinn, Kiel 2004, Kap. D, Buch S. 200 (PDF S. 51).
