Der Atlantik
Sergio erzählt - Eva hört zum ersten Mal
Eva schaut Sergio an.
"Warte mal. Ich war nicht dabei."
Sergio: "Nein."
"Ich war in Venezuela."
"Ja."
"Also - was ist auf dem Atlantik passiert? Das habe ich nie gehört."
Sergio und Adam schauen sich an.
Sergio lacht leise.
"Das ist eine andere Geschichte."
Eva: "Erzähl."
Die Überquerung
Wir starteten von den Kanaren. Nacht. Kein Mond - oder fast keiner.
Der Trimaran lief still. Der Kite zog uns, leise und stetig. Das Schiff hob sich leicht auf den Hydrofoils wenn der Wind stärker wurde.
Matti sass vorne am Bug.
Schaut ins Wasser. Manchmal in den Himmel. Manchmal schläft er dort - einfach so, auf dem Bug, im Rhythmus der Wellen.
Ich sass hinten mit Adam.
Erste Nacht. Kein Land mehr zu sehen. In keine Richtung.
Ich fragte ihn: "Hast du Angst?"
Er dachte lange nach.
"Nein. Nicht mehr."
"Wann hat die Angst aufgehört?"
"In Nazaré."
Eva schaut Adam an.
"In Nazaré."
Adam nickt. Schaut ins Feuer.
"Ich habe die Wellen angeschaut. Stundenlang. Ich bin nicht gesurft - ich habe nur geschaut. Bis die Angst weg war."
Eva: "Und dann?"
"Dann wusste ich - ich kann den Atlantik überqueren."
Stille.
"Die Wellen kommen von Venezuela", sagt er leise. "Das wusste ich damals nicht."
Was Sergio auf dem Wasser sah
Sergio nimmt einen Schluck Mate.
"Adam hat auf dem Atlantik fast nicht geredet. Das erste Mal seit ich ihn kenne."
Er schaut zu Adam.
"Aber er hat geschaut. Den ganzen Tag. Ins Wasser. In den Himmel. Als würde er etwas lesen das nur er sehen kann."
Adam sagt nichts.
Sergio weiter:
"Einmal - wir waren vielleicht vier Tage draußen, mitten im Nichts - kam er zu mir und sagte: Sergio, ich verstehe jetzt warum das alles passiert ist. Potsdam. Portugal. Die Parkbank. Alles."
Eva: "Was hat er gesagt?"
Sergio schaut sie an.
"Er hat gesagt: Es war alles für diesen Moment. Der Atlantik war immer das Ziel. Nicht Venezuela. Der Atlantik selbst."
Pause.
"Der Ozean ist nicht das Hindernis. Der Ozean ist der Weg."
Matti
Eva: "Und Matti?"
Sergio lacht.
"Matti hat auf dem ganzen Atlantik vielleicht zwanzig Sätze gesagt."
"Was hat er gesagt?"
"Einmal hat er gesagt: der Wind weiß wo er hin will. Wir müssen nur nicht dagegen ankämpfen."
Pause.
"Und einmal hat er gesagt: kein Sturm. Alle in dieser Crew haben ihre Themen abgearbeitet. Der Ozean spürt das."
Eva schaut ihn an.
"Hat er recht gehabt?"
Sergio breitet die Arme aus.
"Kein einziger Sturm. Die ganze Überquerung."
Eva schaut Adam an.
Lange.
"Du hast mir das nie erzählt."
Adam schaut sie an.
"Manche Dinge muss man erst ankommen lassen."
Sie schaut ins Feuer.
"Und - bist du angekommen?"
Adam lächelt.
"Frag Sergio."
Sergio lacht.
"Er ist angekommen. Als er dich gesehen hat - da ist er angekommen."
