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Verstand, Bewerten und Verurteilen

Unser Verstand wertet automatisch. Das lässt sich kaum verhindern - er sortiert ständig ein, ob etwas förderlich oder hinderlich ist, ob etwas sich gut anfühlt oder schlecht, ob jemand uns nützt oder schadet. Das ist keine Schwäche. Das ist das Werkzeug mit dem wir uns in der Welt orientieren.

Verurteilung jedoch ist etwas anderes. Verurteilung ist eine bewusste Entscheidung, die wir zusätzlich treffen - und die wir auch lassen können.

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen:

"Ich liebe diesen Menschen." "Aber ich mag nicht, was er tut."

Im ersten Fall bewerte ich die Handlung - das ist Wahrnehmung, das ist erlaubt, das ist sogar notwendig. Im zweiten Fall verurteile ich den Menschen als Ganzes - und damit schneide ich mich von ihm ab. Und da der andere ja mein Spiegel ist, schneide ich mich auch von mir selbst ab.

Das deutsche Wort "Verstand" trägt die Erklärung schon in sich - man muss es nur aufteilen.

Stand ist das was ist. Der Stand der Dinge. Die reine, direkte Wirklichkeit - so wie sie sich zeigt, bevor wir irgendetwas dazu denken.

Ver- ist ein Präfix das im Deutschen etwas verkehrt, versteckt oder verliert. Ver-kehrt. Ver-steckt. Ver-loren. Ver-urteilt.

Der Ver-stand also ist das, was den Stand der Dinge ver-kehrt. Er nimmt die reine Wirklichkeit und dreht, filtert, bewertet sie - bis sie nicht mehr der Wirklichkeit entspricht, sondern unserem Bild davon. Er hilft uns zu navigieren, ja. Aber er kann uns auch gefangen halten, wenn wir seinen Bewertungen mehr Wahrheit geben als der direkten Erfahrung.

Und auch das Wort Ver-ur-teilen zeigt es uns: der Ur-teil ist die ursprüngliche Wahrnehmung - das erste, direkte Spüren was etwas ist. Das ist der Stand. Das dürfen wir. Das brauchen wir sogar.

Das Ver- davor ist das was wir lassen können. Es ver-kehrt den Ur-teil. Es macht aus einer klaren Wahrnehmung ein Urteil über den ganzen Menschen, über die ganze Situation, über das ganze Leben.

Echte Bewusstseinsarbeit beginnt genau hier: den Ur-teil wahrnehmen - und das Ver- weglassen.

Oder anders gesagt: fair-urteilen. Nicht ver-urteilen. Die Handlung sehen, ohne den Menschen zu verdammen. Gerecht wahrnehmen was ist - ohne es zu verdrehen. Fair-urteilen ist das Gegenteil von ver-urteilen. Und es klingt nicht zufällig nach Fairness.

"Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann habe ich es am nötigsten." - Chinesisches Sprichwort