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Der Kreis

By Adam Art Ananda

Der Kreis

Ein offenes Buch — begonnen von Art (Adam Art Ananda)


Prolog

Ich saß gestern allein im Kreis, den ich für andere geschaffen hatte.

Niemand kam. Nicht ein einziger. Dabei hatten viele zugesagt. Auch die Tochter eines Kumpels, die das Ganze filmen wollte — sie kam nicht.

Ich hab dann noch mal gepostet: Ich mache euch alle zu Admins. Und ich schreibe jetzt ein Buch darüber, wie wir auf Gatherings diese Kreise organisieren, wofür sie da sind, und wie man sie moderiert.

Und ich hab geschrieben: Die Gruppe heißt "You Are Not Alone — Du bist nicht allein." Ladet selbst Leute ein in den Kreis. Macht es proaktiv. Damit ihr nicht irgendwann allein dasitzt, wie ich gestern.

Vielleicht musste das so sein. Dass ich allein saß, damit die Menschen erkennen: Das fühlt sich scheiße an. Und dass jeder gefragt ist, den Kreis zu füllen — nicht nur der, der ihn ausgerufen hat.


Was ist der Kreis?

Der Kreis entsteht nicht durch Planung. Er entsteht durch Einladung.

Ich erkläre es am besten mit dem, was ich kenne: dem Food Circle auf einem Gathering.

Einige Menschen spüren Hunger — oder Verantwortung, oder einfach die Lust, gemeinsam zu kochen. Sie setzen sich in die Küche, fangen an zu schnippeln, zu kochen, aufzubereiten. Die ganze Gemeinschaft. Und wenn sie mehr Hände brauchen, rufen sie:

„Wer mag helfen?"

Das ist die erste Einladung. Still. Ohne Druck. Wer nichts zu tun hat, hört: Hier kann ich anpacken.

Dann, wenn das Essen fast fertig ist, kommt der zweite Ruf: Food Circle. Das bedeutet: Noch eine Stunde, dann gibt es was zu essen.

Und dann stehen zwei, drei Menschen auf. Sie breiten die Arme aus. Kein Ansager, kein Mikrofon. Nur Körper, die sagen: Hier darf jetzt ein Kreis entstehen.

Der Kreis schließt sich von selbst. Um das Mainfire herum. Und wenn er geschlossen ist, fangen wir an zu singen.

We are circling, circling together...

Jeder darf seinen eigenen Song einbringen. Wir schließen mit einem heiligen Om — drei Oms hintereinander. Wir verbeugen uns. Wir danken Mutter Erde, die uns reich beschenkt hat. Manche tun das in der Stille.

Das ist der erste Kreis.


Die Kreise im Kreis

Wenn alle essen — wenn alle zusammen sind und zuhören können — dann ist der Moment, einen neuen Kreis anzukündigen.

Man sagt: „Ich organisiere gleich einen Heartsharing Circle. Wir treffen uns zehn Minuten nach dem Essen dort und dort. Wer mitmachen möchte, darf mitmachen."

So entsteht der Heartsharing Circle — der Kreis des Herzens.

Nicht Hardsharing. Herz-Sharing. Das Herz teilt sich mit.

Dort dürfen die Menschen erzählen, was sie auf dem Herzen haben. Einen Zank mit jemandem aus der Gemeinschaft. Ein Gefühl, das schwer ist. Sie müssen nicht benennen, mit wem. Sie bringen nur das Gewicht in den Kreis — und der Kreis trägt es mit.

Man kennt das Prinzip aus dem Ho'oponopono: Vergebung und Heilung entstehen nicht durch Lösung, sondern durch Gehörtwerden.

Das ist das Gegenteil von Social Media. Dort benennt man, klagt an, macht öffentlich. Im Heartsharing Circle bringt man es in die Mitte — und lässt den Kreis wirken.


Die Prinzipien des Kreises

Es gibt keine Regeln im Kreis. Aber es gibt Prinzipien — Prinzipien, die eigentlich jeder kennt. Und wer sie nicht kennt, setzt sich hin, hört zu, und macht, was die anderen machen.

Ich habe diese Prinzipien vor einem Jahr mit Matti aus Estland, einem alten Freund aus der Gathering-Welt, gemeinsam erarbeitet und ausprobiert. Matti war der Meinung: Die Menschen, die heute auf Gatherings kommen, kennen diese Prinzipien kaum noch. Zu viele kommen, und das, was den Kreis trägt, geht verloren — unbewusst, durch Verwässerung.

Deshalb dieses Buch.

Der Talking Stick

Wer den Talking Stick in der Hand hält, darf reden. Alle anderen hören zu.

Auch wenn er nichts sagt. Gerade dann. Die Stille sagt manchmal mehr als Worte.

Wenn er fertig ist, gibt er den Stick nach links weiter — zum nächsten.

Der Moderator achtet darauf, dass niemand zu lang spricht. Zuerst ein sanftes Zeichen: Komm langsam zum Ende. Am Schluss das T mit den Händen — Timeout. Jetzt wirklich weitergeben.

Das Aho

Wenn jemand etwas sagt, das stimmig ist, antwortet der Kreis: Aho.

Das bedeutet: Ich habe dich gehört. Manchmal auch Zustimmung. Aber nie Widerspruch, nie Gegenrede, nie ein Nein. Nur Aho — oder Stille.

Kein Dislike. Kein „Doch nicht so."

Neu Dazukommende

Wer in einen laufenden Kreis kommt, setzt sich rechts vom aktuellen Sprecher. Er hört eine Runde lang zu. Erst dann darf er selbst sprechen.

So weiß er, was das Thema ist. So kommt er an.

Der Kreis wird größer, indem alle einen Schritt zurücktreten. Der Moderator kann sagen: Macht Platz, damit andere sich setzen können.

Wer den Kreis verlässt

Auch wer geht, wartet eine Runde. Er hört zu, dann darf er gehen.

Wir hatten Menschen, die kamen, schnell etwas sagten und wieder gingen. Die Prediger. Die Propagandisten. Sie sollen eine Runde warten, bevor sie sprechen — und noch eine Runde, bevor sie gehen. Der Kreis ist kein Marktplatz.

Wie der Kreis endet

Der Kreis dreht so lange, bis keiner mehr etwas zu sagen hat — mindestens eine vollständige Runde, in der alle schweigen.

Der Moderator kann darauf hinweisen: „Wir können hier noch fünf Tage sitzen, wenn wir wollen. Wir können den Kreis aber auch schließen, wenn keiner mehr etwas Wichtiges zum Thema hat. Wer ein anderes Thema hat — macht bitte selbst einen Kreis."


Wer darf einen Kreis einberufen?

Jeder.

Wer darf Moderator sein?

Jeder — der die innere Reife dazu hat. Der die Prinzipien kennt. Der bereit ist, zu dienen ohne zu führen.

Kaum jemand kennt diese Prinzipien. Dafür ist dieses Buch da.


Der Kreis in der Stadt

Auf einem Gathering entsteht der Kreis aus dem Kontext heraus. Das Feuer ist schon da. Die Gemeinschaft ist schon da. Die Menschen haben gegessen, haben Zeit, haben nichts anderes vor. Ein Kreis entsteht innerhalb einer Stunde.

In der Stadt braucht es mehr.

Ich habe das in Italien gelernt, bei einem Gathering. Es gab keinen Heartsharing Circle — also habe ich ihn ausgerufen. Weil ich offenbar der Älteste war, mit zweiundsechzig. Weil die anderen in mir einen Elder sahen — jemanden, der's vormacht.

Der Kreis fand statt. Ich habe viel Dank bekommen, dass er überhaupt stattfand.

In Berlin habe ich drei Tage vorher eingeladen. Die Energie war weg. Die Menschen hatten anderes vor, waren abgelenkt, haben zugesagt und dann abgesagt. Das ist keine Kritik — das ist die Stadt. Wir sind alle distracted. Wenn es nicht sofort geschieht, geschieht es nicht.

Drei Tage Vorlauf in Berlin ist wie ein Food Circle ohne Feuer.

Der Kreis in der Stadt braucht Zeit. Wiederholung. Verwurzelung. Er braucht Menschen, die selbst einladen — nicht nur den einen, der ihn ausgerufen hat.

Ich bin der Samen. Nicht der Gärtner, der jeden Tag gießt.


Konsensus — Der Kreis als Ort der Entscheidung

Kreise kann man mit drei Menschen machen. Das funktioniert — man kann sich unterhalten, man kann zuhören, man kann teilen. Die Reihenfolge ist weniger wichtig.

Aber beschlussfähig ist ein Kreis erst mit sieben Menschen.

Das ist eine goldene Regel. Warum sieben? Weil sich die Last des Beschlusses auf sieben Schultern verteilt. Kein Einzelner trägt ihn allein.

Vergleich das mit dem, was wir Demokratie nennen: Ein Bundeskanzler trägt einen Beschluss. Einer. Dabei wäre es so viel schöner, wenn das Volk ihn trüge. Wenn wir Volksabstimmungen hätten — wenn das Volk sagen könnte: Wir wollen keine Kriege mehr führen. Wir wollen den Konflikt in Gaza, in der Ukraine beenden. Dann trägt das ganze Volk — und Politiker können die Verantwortung nicht mehr wegschieben.

Der Kreis ist ein Modell dafür. Klein, aber echt.

Die Kreisgröße

  • 3–6 Menschen: Gespräch, Austausch, Herzsharing. Kein formeller Beschluss nötig.
  • 7–13 Menschen: Beschlussfähiger Kreis. Konsensus ist möglich.
  • 14 und mehr: Der Kreis teilt sich. Zwei Siebenerkreise, die jeweils für sich beschlussfähig sind.

Wenn mehr Menschen kommen als dreizehn, sortiert man sich: Wer ist da? Wie viele sind wir? Vierzehn werden zu zwei Siebener-Kreisen. Fünfzehn ebenso. Jeder Kreis bleibt zwischen sieben und dreizehn — dann kann er entscheiden.

Wie Konsensus funktioniert

Ein Thema wird in den Kreis gebracht. Kurz vorgetragen. Der Kreis erörtert es — jeder darf sprechen, der Talking Stick geht rum. Meinungen werden eingeholt, Probleme benannt, neue Ideen eingebracht.

Dann sagt der Moderator:

„Ich starte jetzt den Konsensusprozess. Wenn es noch Einwände gibt, habt ihr jetzt die Chance zu sprechen."

Der Stick geht einmal rum. Vollständig. Schweigt der Kreis — gibt niemand einen Einwand — dann ist der Konsensus beschlossen.

Nicht Mehrheit. Nicht Abstimmung. Nicht der Lauteste gewinnt.

Stille ist Zustimmung. Der Kreis hat gesprochen.

Was tun bei Einwänden?

Wenn jemand einen Einwand hat, ist das kein Problem — es ist eine Einladung.

Einwände können ausgeräumt werden: durch Erklärung, durch Ergänzung, durch ein neues Verständnis. Der Kreis hört zu.

Wenn eine tiefere Diskussion nötig ist, gibt es einen besonderen Moment: Wer den Talking Stick hält, legt ihn auf den Boden.

Das ist das Zeichen: Die Diskussion ist offen.

Jetzt dürfen Fragen gestellt werden, Antworten gegeben werden — aber nicht alle durcheinander. Wer etwas sagen möchte, meldet sich mit einem Fingerzeig. Wer den Stick auf dem Boden hält, gibt das Wort weiter — an wen er möchte, an wen sich meldet.

Der Kreis bleibt geordnet. Auch in der Diskussion.

Wenn die Diskussion ihren Zweck erfüllt hat, nimmt jemand den Stick wieder vom Boden. Der Konsensusprozess geht weiter. Der Stick wandert. Und vielleicht ist der Einwand jetzt ausgeräumt — vielleicht auch nicht. Dann dreht der Kreis noch eine Runde.

Wenn der Konsensus nicht reicht — Systemisches Konsensieren

Manchmal gibt es mehrere Ideen, mehrere Wege, mehrere Möglichkeiten. Und keine klare Stille. Dann kann man eine weitere Methode in den Kreis bringen: das Systemische Konsensieren.

Der Unterschied zur normalen Abstimmung ist entscheidend: Man fragt nicht, wer für etwas ist. Man fragt, wer Widerstand dagegen hat.

So geht es:

Alle Optionen werden aufgelistet — auch der Status quo, also "wir machen gar nichts." Dann bewertet jeder Mensch im Kreis jeden Vorschlag auf einer Skala von 0 bis 7 — oder 0 bis 10, je nachdem was der Kreis vereinbart.

  • 0 bedeutet: Kein Widerstand. Ich kann das mittragen.
  • 7 bedeutet: Starker Widerstand. Das lehne ich ab.

Die Punkte werden zusammengezählt. Die Option mit der geringsten Gesamtpunktzahl — also dem geringsten Widerstand — wird beschlossen.

Nicht der lauteste Vorschlag gewinnt. Nicht der vom Ältesten. Sondern der, den alle am besten mittragen können.

Das ist kein Kompromiss. Das ist Konsens.


Einladung

Dieses Buch ist offen.

Der Prolog gehört mir. Die Prinzipien gehören dem Kreis. Alles andere gehört dir.

Hast du einen Kreis erlebt — in deiner Stadt, in deiner Gemeinde, in deiner Familie? Hast du einen ausgerufen, der funktioniert hat? Oder einen, bei dem niemand kam?

Bring es in den Kreis dieses Buches.

Schreib dein Kapitel. Erzähl, wie es war. Was funktioniert hat. Was nicht. Was du gelernt hast.

Der Kreis wird größer, indem alle einen Schritt zurücktreten.

Aho. 🌱


„Der Kreis" ist ein CrowdBook — ein offenes, kollaboratives Buch auf der CrowdWare-Plattform. Begonnen von Art (Adam Art Ananda), Lutherstadt Wittenberg, April 2026.

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