ForgeCrowdBookWe don't sell the fish – we give you the rod.

Burnout

Wir kamen aus einer Projekt-Besprechung, in dem wir den zeitlichen Ablauf des neuen Software-Projekts besprachen und uns als Team für die geplanten Überstunden bereit erklärten, obwohl das Projekt noch nicht einmal am Anfang war.

Als ich eine Nacht darüber schlief, wachte ich morgens mit dem Gefühl auf: "Nein, das mache ich nicht mit! Ich bin doch kein Idiot."

Im Team-Meeting an diesem Morgen teilte ich den Anderen mit den Worten: "Ihr macht das Projekt ohne mich. Ich kündige.", dass ich raus bin.

Mein Teamleiter bat mich erst einmal einen Monat frei zu machen und daraufhin in aller Ruhe mein Know-How an das Team weiterzugeben.

Diese Zeit nutzte ich, um mal mit meiner Frau darüber zu reden, dass sie eigentlich auch mal arbeiten könnte. Sie sah es ein und suchte sich einen Job in einem Fast-Food-Restaurant. Als ich dann später alles in der Firma übergeben hatte, machte ich sechs Monate Pause, kaufte mir auf Anraten meiner Ärztin ein E-Bike und radelte jeden Tag eine Stunde.

In der Zeit habe ich glatt 25kg abgespeckt.

Ich wollte wieder eine eigene Firma gründen, aber meine neue Geschäftsidee zerplatzte bei einem Gespräch mit einem Herren der Handelskammer und ich sah mich gezwungen wieder bei meinem alten Chef anzufragen, ob ich dort wieder arbeiten könnte.

Mein Chef bot mir an nur noch drei Tage die Woche zu arbeiten, um es ein wenig ruhiger anzugehen zu können.

Diese coole Zeiteinteilung nutze ich aus, um abwechselnd zwei Wochen zu arbeiten und zwei Wochen nach Dänemark zum Kitesurfen zu fahren. Das war eigentlich eine coole Zeit.

Einige Dinge gingen mir nun aber gegen den Strich. Ich hatte zum Beispiel einen Kollegen, den ich extra für mein Projekt dazu geordert hatte, damit ich nicht alles alleine machen musste. Dieser hat nach meinem Burnout den Lead für das Projekt übernommen. Und dann musste ich mir dann so Dinge anhören wie: "So lange ich hier das Sagen habe, wird es gemacht, wie ich es will.". Dabei ging es um das Design eines Benutzer-Interfaces und eigentlich war ich in diesem Bereich der Kompetentere, da ich zu dieser Zeit Human Computer Interaction Design studiert habe.

Auch konnte ich andere Entscheidungen nicht mehr mittragen, weil ich ein Pragmatiker bin und immer gleich alles umsetze, während mein Kollege immer alles künstlich in die Länge ziehen wollte, damit er lange an dem Projekt verdienen kann.

Da meine Frau dann auch noch ihre Probleme von ihrer Arbeit nach Hause brachte und ihr Sohn, der mit 28 immer noch bei uns wohnte, auch in derselben Firma arbeitete und auch seinen Frust mit nach Hause brachte, wurde es mir irgendwann zu viel. Ich startete ein Intervention, da ich der Meinung war, dass meine Frau und ihr Sohn in ihrer Firma gemobbt werden.

Auf meinen Rat hin haben sie dann beide dort gekündigt, hatten aber anscheinend Angst, sich arbeitslos zu melden, weil sie wohl befürchteten wieder in so einen Ausbeuterbetrieb gesteckt zu werden.

Außerdem wechselte die Projektleitung und unser neuer Projektleiter fand meine Idee, nur alle zwei Wochen zu arbeiten nicht so gut.

Mir fiel die Decke auf den Kopf und ich setzte mich in mein Auto und fuhr los. Ich muss noch erwähnen, dass ich zu der Zeit gerade einen kalten Alkoholentzug angefangen hatte und schon zwei Nächte kein Auge zubekommen hatte.

Ich parkte mein Auto und stellte mich vor einen Abgrund. "Nein...", sagte ich zu mir, "...da lasse ich mich jetzt nicht runterziehen und springen tue ich erst recht nicht."

Mein Blick schweifte weiter und ich sah am anderen Ende der Schlucht eine kleine Kapelle auf dem Berg. Dort fuhr ich hin und setzte mich auf eine Bank und betete für meine Familie. Ich dachte, ich hätte nicht mehr lange zu leben und bat um Hilfe für meine Leute. Nach dem Gebet, bat ich Gott, mir ein Zeichen zu geben, wenn er mich erhört haben sollte.

Die Glocken fingen an zu läuten.

Wenn das mal kein Zeichen war. Vor lauter Euphorie wollte ich meinen dekadenten Mercedes-Cabrio-Oldtimer nach dem Erlebnis verschenken und deponierte den Autoschlüssel in der Kirche und ging zu Fuss nach Hause.

Es war ein kalter Januartag und ich war eigentlich eher wie ein Autofahrer gekleidet statt wie ein Fußgänger.

Irgendwann fing ich an, meine Jacke auszuziehen und auf den Boden zu schmeißen. Und es ging weiter, ich zog mir meine ganzen Klamotten aus und setzte mich irgendwie auf das Trottoir. Ich hatte komplett die Kontrolle über meinen Körper verloren. Auch die Gedanken konnte ich nicht mehr steuern.

Ja, ich war tatsächlich in der Hölle angekommen. Was für ein Trip!

Irgendwie habe ich es aber willentlich geschafft, mich in den Lotussitz zu setzen und zumindest die Haltung eines Meditierenden einzunehmen.

Autofahrer, die vorbei kamen sahen für mich wie Höllenwesen aus. Ich winkte sie weiter. Irgendwie war ich in so einem komischen Zustand. Hatte kein klares Bild mehr. Alles verschwommen und ich nickte ein paar Mal einfach weg.

Irgendwann, einige gefühlte Stunden später hat mich dann wohl ein altes Ehepaar gefunden und zurückgeholt. Ich habe mich erst in einem Polizeiwagen aufgewärmt und wurde dann mit Blaulicht ins Spital gefahren.

Dort bot man mir an, entweder gehen sie freiwillig in eine Anstalt oder wir weisen sie zwangsweise ein. Na ja, ich ging freiwillig in die Geschlossene. Als Diagnose gab ich Alkoholentzug und Spielsucht an. Ich hatte zu der Zeit bereits zwölf Jahre World of Warcraft, ein Online-Rollenspiel, gespielt und dachte, das werden sie mir schon glauben.

Dafür musste ich irgendsoein Teufelszeug von Big-Pharma schlucken. Na ja, ich konnte es nach meiner Entlassung locker wieder absetzen. Nach diesem Höllentrip hatte ich vor gar nichts mehr Angst.

Dort in der Klapsmühle fühlte ich mich wie Buddha, der bei einer schweren Krankheit in eine andere Stadt fahren musste und auf dem Weg dort hin, wirklich kranke Menschen sah, was ihn wieder gesunden ließ. Auch mir ist das so passiert.

Als ich dann ein paar Wochen später raus wollte, wurde mir meiner Meinung nach übel mitgespielt. Um raus zu können, wurde mir ganz früh morgens Blut abgenommen. Als die Schwester dann aber sagte: "Ich habe im rechten Arm nicht genug Blut abbekommen. Ich muss ihnen noch etwas aus dem linken Arm abnehmen." hat mich das irgendwie gestresst und ich bin kurz in Ohnmacht gefallen und habe mich eingepisst. "Nein, so können wir sie nicht entlassen. Sie müssen noch ein paar Wochen hier bleiben.", sagte mir dann der Stationsvorsteher.

Später riet mir eine ganz liebe Schwester heimlich, ich solle mich nächstes Mal beim Blut abnehmen hinlegen und abwarten bis ich wieder aufstehen kann, damit mir das nicht noch mal passiert. Auch riet sie mir ein bestimmtes Medikament abzusetzen. "Sie müssen das nicht nehmen:" sagte sie mir "Sie sind freiwillig hier drin."

Hab keine Ahnung, was für ein Teufelszeug sie mir da gegeben hatten, aber ich habe es abgesetzt und bin nach insgesamt sechs Wochen wieder raus gekommen.

Das war echt gruselig manchmal. Ab und zu flippte eine Frau komplett aus und musste von drei Pflegern zur Ruhe gebracht werden. Sie wurde dann immer auf einem Bett gefesselt. Die Frau arbeitete früher dort als Schwester.

Es hat nicht lange gedauert und ich habe daraufhin die Schweiz verlassen. Das hat mir gereicht, was ich da gesehen habe!!!

Mein Projekt habe ich noch zu Ende gemacht, bin dann aber nach Dänemark umgezogen. Nach Deutschland wollte ich auch nicht mehr, denn dort warteten noch ein paar Gläubiger auf mich.

In Dänemark bin ich dann zur Ruhe gekommen und konnte das Erlebte reflektieren.

Aber erst vor kurzem hatte ich die Erkenntnis, dass ich weder mein Körper noch mein Geist bin, da ich ja auf diesem Horrortrip keine Kontrolle mehr über diese Dinge hatte.

Aber das Gleiche sagen ja alle anderen spirituellen Führer auch.